Eltern auf dem Prüfstand

Einige gute Gründe, sich selbst vom Umwelt-Thron zu stürzen

Rund um unseren Tisch sitzen 3 aufgeweckte junge Männer, die mit wachen Augen durch die Welt gehen. Sie beobachten nicht nur ihre Welt da draußen genau, urteilen über Lehrer, Politikerinnen und You Tube-Stars. Sie schauen auch uns Eltern genauestens auf die Finger. Jeder Fehler unsererseits fällt uns gnadenlos auf den Kopf. Sportunfälle in der Midlife-Crisis werden als unnötige Übertreibung männlicher Kräfte interpretiert. Bühnenpräsenz Mitte Vierzig wird als Wunsch nach Anerkennung entlarvt. Bei schwelenden Konflikten unter den Eltern wird zügig Öl ins Feuer gegossen, damit es dann wenigstens ordentlich kracht.

Derzeit stehen wir Eltern auf dem Umweltprüfstand.

Das ist nicht gerade angenehm. Angenehmer ist es ehrlich gesagt, wenn man sich selbst prüft. Denn dann kann man da und dort ein Auge zudrücken, wenn das eigene Verhalten nicht den persönlichen Vorstellungen seiner selbst entspricht. Viel schlimmer ist es, wenn man von seinen pubertierenden Kindern unter Beobachtung steht. Viel schlimmer ist es noch, wenn zusätzlich ein 6-Jähriger, der die Grenzen der unmittelbaren Gefühlsäußerung noch fließend interpretiert und zu spontanen Unmutsäußerungen über das elterliche Verhalten neigt.

Hier sind unsere Top-Themen, die im Raum stehen: Mobilität, Nahrung und Einkaufsgewohnheiten. Was Mobilität angeht, müssen wir gestehen, verlangen wir unseren Kindern einiges ab. Während in unserem Wohnbezirk der Großteil der Kinder mit Teslas, BMWs und anderen großen Ungetümen zum Bus oder gar vor das Schultor gebracht werden, haben wir unsere Kinder verpflichtet, mit dem Rad zu fahren. Es gibt nur wenige gute Gründe, nicht mit dem Rad zu fahren: Die sind: Krankheit, zu schwere Schultaschen, Starkregenfall. Bei allen anderen Gründen schütteln wir einstimmig den Kopf. Die Buben haben es akzeptiert. Dass es ihnen gefällt, wage ich nicht zu behaupten. Nun verlassen aber auch wir Erwachsene das Haus.

Ehrlich gesagt, haben wir viel mehr Gründe, nicht mit dem Rad zu fahren.

Dafür schäme ich mich. Der oberste aller Gründe: „Es geht sich zeitlich nicht aus.“  Meine banale Ausrede macht mich fertig. Denn sie hält mir einen Spiegel vor, in den ich gar nicht sehen will. Sie sagt mir: „Wie voll und dicht ist dein Leben, dass du bei allen Aktivitäten die Minuten zählst, die Stunden sparst und ganze Tage so durchgetaktet hast, dass du dem Fahrrad keinen Platz geben kannst?“ Ich sage diesem Spiegel: „Der einzige Grund, nicht mit dem Rad zu fahren, sollte sein, dass ein familiärer Großeinkauf auf kein Fahrrad passt“. Dieses Argument wäre dann einmal in der Woche schlagend.

Also sind unsere Jungs gnadenlos: „Aha, haben wir mal wieder keine Zeit, um mit dem Rad zu fahren?

Sind wir mal wieder zu schön angezogen, um mit dem Rad zu fahren?“. „Ist es schon wieder zu ungemütlich, um das Auto stehen zu lassen?“ Was sollen wir darauf sagen? Nichts, wir schämen uns still. Die Buben lasten uns diese Sünden zu schwer an.

Und weil mir nichts anderes einfällt, hole ich zum Gegenschlag aus. Ich erinnere sie, dass ich nur Bio-Produkte einkaufe. Ich halte ihnen vor, dass sie nur durch meine Weitsicht regionales Gemüse, Eier und Obst essen. Ich erkläre ihnen, dass ich 70 % meiner Kleidung gebraucht kaufe. Wir verwenden keine Alufolie, essen Joghurt aus dem Glas und waschen mit grünem Waschmittel. Mein größter Trumpf aber ist noch im Talon. Denn dieser Schlag trifft meine Männer direkt in ihre eigene Unzulänglichkeit, die auch durch keinen Missionierungsversuch meinerseits ins Wanken gekommen ist: „Ich esse kein Fleisch.“ Ich grinse triumphierend und verlasse den gemeinsamen Frühstückstisch.

Sie rufen mir nach, dass sie mir ein kleines, 20 kmh fahrendes E-Auto kaufen werden und lachen sich über ihrem Schinkenbrot krumm.

Heute Morgen schaut der Kleinste entsetzt aus dem Fenster. Wir schauen alle auch aus dem Fenster. Eine Bierflasche steht am Terrassenrand. „Das ist Weltverschmutzung! Papa warst du das?“. Mein Mann hat gestern 1 Kubikmeter Holz hinters Haus gebracht. Da ist er wohl durstig geworden.

Und schon beginnt wieder die Diskussion, wir sprechen über Müll, der liegen bleibt, über Autos, die cool sind, aber die Umwelt verschmutzen, wir nehmen uns selbst an der Nase, erzählen, dass am Freitag wieder eine Demo ist. Der 13-Jährige schaut mich verschmitzt an. „Und, fährst du mit dem Auto hin?“.

Über das Wunder, die Hände frei zu haben

Erfahrungen zur Handynutzung unter Pubertieren

Unsere zwei großen Söhne sind Handybesitzer. Mit Stichtag 10. Geburtstag haben beide jeweils ein mobiles Gerät von uns bekommen, die sie seither, außer wir fordern sie dazu auf, immer bei sich tragen. Wir fordern sie relativ oft dazu auf, ihre Handys wegzulegen. Wir vertreten die Theorie, dass Begeisterung für Dinge wie Sport, Kreativität, Musik, Gespräche und Bücher zumindest die größte Suchtgefahr abwenden kann.

Wir versuchen als Elterngeneration die neue digitale Generation zu verstehen, ihre Kommunikationswege nicht ständig zu hinterfragen und Verständnis für die Identifikation der jungen Menschen mit ihren Geräten aufzubringen. Wir haben konsequente Regeln über die Verwendung der Geräte aufgestellt. Wir kontrollieren ihre Datenflüsse, ihre Spielzeiten und kaufen nur alle zwei Monate eine neue Wertkarte.

Wir haben alles im Griff. Alles, außer ihre Hinterlistigkeit.

Alles, außer den Druck und die Erwartungen, die von draußen in unser familiäres System einfließen. Alles, außer ihre technische Überlegenheit.

Zuerst ein paar Worte zur Hinterlistigkeit. Das eine Kind: „Mama, ich gehe hinauf in mein Zimmer“. Mutter: „Stopp, das Handy aus der Hosentasche!“. (Die Jungs dürfen die Handys nicht mit in ihr Zimmer nehmen). Das andere Kind „Mama, ich höre eh nur Musik, ich muss Matheaufgabe machen.“ Mutter: „Du wolltest lernen und Musik hören, warum schreibst du dann Whatsapp-Nachrichten?“ Zugegeben harmlos, trotzdem der Anfang vom Ende. Wir Eltern wissen: wenn wir hier nachlässig werden, dann nehmen sie nicht nur unseren kleinen Finger, sondern die ganze Hand.

Dann kommen die Freunde ins Spiel, die Peer-Group. Leider gibt es in unserem Umfeld viele technikverliebte Eltern. Diese Eltern kaufen ihren Kindern die teuersten, besten Geräte. Die Kinder nehmen sie mit in die Schule und schon wollen unsere Kinder auch so tolle Geräte. Zu Hause hören wir dann: „Aber der xxx hat schon wieder ein neues Handy, warum kriegen wir das nicht auch?“ Wir: „Weil wir der Meinung sind, dass die Geräte, die ihr besitzt völlig in Ordnung sind“. Diesen Dialog führen wir über Autos, Mobilgeräte, Tabletts, Fernseher, Mountainbikes, bald wahrscheinlich über Waschmaschinen.

Die technische Überlegenheit ist ein unangenehmes Thema, denn manchmal verstehe ich wirklich kein Wort von dem, was mir meine Söhne erzählen.Ich könnte dann über literaturwissenschaftliche Fragen sprechen. Ich könnte die Augenbrauen heben und um Erklärung bitten oder ihnen stumm nickend zustimmen. Meistens wähle ich die dritte Option.

Was aber tun, wenn sich die Jugend der elterlichen Kontrolle entzieht?

Nun trägt es sich zu, dass die jungen Männer auch immer wieder für eine Woche auf Schikurs, Englischcamp oder Wienwochen fahren und sich unserer wohlmeinenden Beobachtung entziehen. Rechtzeitig zum Einzahlungstermin der Reisekosten keimt auch immer die Frage der Handynutzung unter den Eltern auf.

Wir haben letzten Sommer die großartige Erfahrung gemacht, dass unser Großer auf Englisch-Camp war. Nicht, dass er schlecht in Englisch wäre, es ging eher um den Spaß. Und der Spaß war groß. Es gab einen einzigen bitteren Moment.

Am Tag der Ankunft mussten ALLE ihre Handys abgeben.

Pro Tag stand ihnen dann eine Stunde das Gerät für persönliche Verrichtungen zur Verfügung. Ganz ehrlich: Unser Sohn hat sein Handy in dieser einen Woche nur einmal verwendet. Dann die ganze Woche nicht mehr. Er hat eine ganze Woche ohne Handy überlebt! Und er war glücklich dabei, im Originalton: „Das war super ohne Handy!“ Ich stelle mir vor, dass die Jugendlichen dann in dieser vergnüglichen Sommerwoche miteinander gesprochen haben. Sie haben wohl die Augen aufgemacht, für das was sie gesehen haben.

Sie hatten endlich ihre Hände frei und konnten vieles tun, was sonst einfach nicht geht, wenn man ein Handy in der Hand hat – einen Ball fangen zum Beispiel.

Es war grandios. Und mit Sicherheit die wertvollste Erfahrung im Jahr eines heranwachsenden jungen Mannes im 21. Jahrhundert.

Nun steht der Schikurs des Mittleren an. Unter den Eltern und Lehrern wir schon diskutiert. Einige Eltern sind besorgt, sie wollen täglich wissen, wie es ihrem Kind geht. Ich habe hier eine sehr klare Einstellung. Wenn ich schifahre, brauche ich kein Handy. Da habe ich Schistöcke und dicke Handschuhe. Wenn ich zu Mittag esse brauche ich kein Handy, dann habe ich Messer und Gabel. Wenn ich müde bin, brauche ich auch kein Handy, dann brauche ich ein Bett. Wenn ich Freunde um mich habe, brauche ich meine Eltern nicht anrufen und meine Eltern brauchen mich nicht anrufen.

Wenn es einem Kind schlecht geht, gehe ich davon aus, dass Vertrauenspersonen von Seiten der Lehrer und Lehrerinnen da sind, die sich bei uns Eltern melden. Außerdem gibt es so etwas wie gute Freunde. Ich möchte hier an dieser Stelle alle Eltern dazu einladen, loszulassen. Geben Sie ihren Kindern die Chance, eine Woche ohne Handy zu verbringen. Es lernt dann vor allem zwei Dinge: Ich lebe, obwohl ich nicht wische und tippe. Die Welt ist wunderbar, wenn ich den Kopf hebe.

Ja, das ist Herbst

Über Trugbilder der Natur, müde Schmetterlinge und den Lauf der Zeit

Lange haben wir so getan, als wäre nichts. Als würde uns die Geschichte mit der Dunkelheit nicht betreffen. Als wäre der Herbst ein endloser Reigen aus lichtdurchfluteten Spaziergängen, Cappuccinos im Freien und offenen Jacken. Lange haben wir erfolgreich verdrängt, dass die Natur, ihren vorbestimmten Weg geht. Die Natur lässt sich nur vordergründig von den geschenkten Sonnentagen betrügen. Sie schenkt uns unpassend rote Himbeeren und Erdbeeren, die nicht der sommerlichen Gier der Schnecken zum Opfer fallen. Sie verwöhnt uns mit unpassendem Vogelgezwitscher, dass uns verzweifelt glauben lässt, dass sich die Stille und die Dunkelheit dieses Jahr anderswo ausbreiten werden. Dass sich das Vergehen und das Verblühen an einem fernen Ort abspielen werden.

Und dann hat der goldene Baum an der Straßenecke plötzlich keine Blätter mehr.

Und dann kündet der letzte Sonnen-Sonntag mit einer fremden Brise das echte Wetter an. Endlich ist es so, wie es sein soll, flüstern mir die Pflanzen zu. Wo bleibt die Wehmut in ihrem eigenen Vergehen? Gut, dass es nun feucht, kalt und düster ist, seufzen die Tiere. Wo bleibt ihr Festhalten an der Fülle?

Ich hatte es wirklich vergessen, raunt mir meine innere Stimme zu. Ich hatte tatsächlich geglaubt, Stille, Dunkelheit und Einkehr würden mich dieses Jahr nicht berühren. Doch sie tun es. Es ist eine Ohrfeige der Natur, ein Glas kaltes Wasser ins Gesicht, ein grober Weckruf. Es hat sich nichts geändert:

Die Ewigkeit ist die unendliche Veränderung.

Alles lebt, alles vergeht, alles wird. Die Sommerenergie muss ruhen, darf eintauchen in das tiefe Verständnis einer universellen Wahrheit. Und ich hier kann nur staunen und annehmen. Das was ist. Ich laufe durch den nebligen Abend, sehe, dass fast alle Blätter von den Bäumen gefallen sind. Innenschauen fällt jetzt leicht, es ist so leise. Innenschauen tut auch weh, denn es rührt sich was, es lässt sich nicht in Worte fassen. Es schwirrt in meinen Innenräumen wie ein müder Schmetterling. Ist es das, das Unaussprechliche? Dieser tiefe Respekt vor dem Werden und Vergehen. Die Sprachlosigkeit vor dem eigenen Werden und Vergehen. Der von unnützer Angst durchtränkte Wille vor dem Loslassen und Hingeben? Die braun-roten Blätter rascheln mir behutsam zu: Es ist der Lauf der Zeit.

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Wurm-Tage und die Kunst, nicht auf Liebe zu vergessen

Es gibt Tage im Leben, da ist der Wurm drinnen.

Oft wissen wir nicht einmal, woher der Wurm kommt und wieso er ausgerechnet an diesem Tag sein Recht auf Chaos, Unglück, Streit oder Verwirrung einfordert.

So ein Tag ist mir unlängst passiert. Der Wurm hat sich angekündigt. Still und leise hat er ein flaues Gefühl in meinem Magen verbreitet, das ich zunächst hinter jenen Tätigkeiten zu verbergen suchte, die für gewöhnlich so etwas wie Glück versprechen.

Leider ließ sich der Wurm nicht abhalten. Er hasst es, wenn er verdrängt oder in die Ecke geschoben wird. Er bahnt sich stur seinen Weg. Auf den ersten Blick war alles harmonisch. Ein Sonntag, ein gedeckter Frühstückstisch, gesunde Kinder, eine vom Sport ausgeglichene Mutter. Und dann. Von einem Moment auf den anderen schlug der Wurm zu.

Worte wurden gewechselt, ein Polster flog im Übermut durchs Zimmer, zwei Streithähne erhoben sich zum Kampf. Der Wurm suchte sich aus dem Hinterhalt eine klitzekleine Lücke in meiner Existenz, eine Gelegenheit, die normalerweise aus einer Mischung aus Toleranz und Liebe vorüberzieht. Streit schlichtend, Harmonie suchend, Emotionen ausgleichend würde ich normalerweise den Sonntag retten. Doch diesmal nicht.

Der Wurm berührt einen wunden Punkt.

Der Wurm schlingt sich um meine eigene Bedürftigkeit. Der Wurm beißt sich fest in meiner Ungeduld. Der Wurm küsst mein Recht auf Frieden und Erholung. Er wirft mir die Erschöpfung einer ganzen Woche, nein, eines ganzen Jahrzehnts vor die Füße.

Die Streithähne hätten sich nach einigem Hin und Her sicher von selbst versöhnt. Darauf kann ich nicht warten. Der Wurm will sich jetzt und sofort Gehör verschaffen. Und zwar laut, fordernd und wütend. Etwas in mir übernimmt die Kontrolle, das ich normalerweise gut zu besänftigen weiß. Es ist die sonst zarte Stimme, die sagt: „Hey, ich bin auch ein Mensch und ich mag jetzt mal loslassen und entspannen.“ Nicht mehr ganz so zart, fordernd und böse ruft sie hinterher: „Ich will, dass ihr nach meiner Friedenspfeife tanzt.“

Der Tag vergeht, der Wurm bleibt drin. Alle Kraft dahin. Einer der Streithähne rutscht aus, einfach so, beim Spielen, bricht sich den Arm.

Dann ist der Wurm weg. Die Liebe kommt zurück. Wo war sie den ganzen Tag? Hat sie Angst vor dem Wurm?

Plötzlich ist es still in uns. Wir holen den Radiergummi und radieren den Tag aus. Wir verzeihen einander. Zurück bleibt eine Traurigkeit. Eine Traurigkeit, einen Tag in diesem wunderbaren, gesegneten Leben versaut zu haben. Alle zusammen haben wir es geschafft.

Eine Freundin schreibt mir heute den wichtigsten Satz: Sei nicht so streng mit dir.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Wurm-Tage auch immer wieder von der Liebe gerettet werden.

Wie Geschichten im Sommer wachsen

Blog_Mirijams Schreibuniversum_Wie Geschichten wachsen

Oder: Welche Wege Inspiration gehen kann

Eine der herausragenden Qualitäten des Sommers ist für mich, dass er es mir leicht macht. Im Sommer gelingt so vieles: im Hier und Jetzt sein, einatmen, ausatmen, Stille hören und ankommen. Dort wo ich gerade bin: in meinem Garten, am Strand, am Berg, am Meer, in meinem Bett, auf meinem Fahrrad. Je länger ich den Sommer auskoste, umso stiller wird es in mir. Gedanken an gestern verlieren sich, Gedanken an morgen sind unnahbar, und schließlich uninteressant. Und dann, wenn es still wird in mir, dann sehe ich diesen großen, unfassbaren Platz in mir. Es ist der Platz meiner Möglichkeiten, meiner Ideen und meiner Entfaltung.

Ungefragt tauchen dann Ideen auf: Geschichten, die ich erzählen möchte.

Diese Geschichten wachsen in mir, entwickeln sich in der Tiefe meiner Inspiration zu Fäden und Verbindungen, die ein größeres Ganzes ermöglichen. Es ist, als würde ich diese kleinen Ideen in Päckchen verschnüren und tief in meinem Inneren verstauen. Ich streichle sie zart, und flüstere ihnen beruhigend zu, dass ich sie hervorholen werde, wenn es Zeit ist. Noch bin ich zu sehr mit dem Sommer, dem Hier und Jetzt und jedem einzelnen Atemzug beschäftigt, dass ich es nicht wage, diese Päckchen auszupacken.

Denn ich weiß, dass dieses Auspacken einem Einsinken, Versinken und Verbinden gleicht. Es ist ein Abtauchen in einen Seelengrund, zu dem ich nur dann Verbindung aufbauen kann, wenn das Alltägliche den imaginären Schutzwall respektiert, den ich brauche, um überhaupt in dieses Eintauchen zu gelangen. Mir ist bewusst, dass ich selbst dem Alltäglichen klare Grenzen setzen muss.

Ich weiß allerdings aus Erfahrung, dass es mir dienlicher ist, wenn ich mich auch hingebe, wenn das Leben Fahrt aufnehmen will.

Und dann kommt das Ende des Sommers. Dieses Ende wird mit Wucht und Schärfe von Schulbeginn, Kindergartenbeginn, Unterrichtsbeginn eingeläutet. Die warmen Päckchen mit den wundervollen Geschichten ruhen tief in mir. Ich flüstere täglich: „Wartet noch ein bisschen, noch bin ich nicht bereit…“. Ich verbringe meine Tage mit gestern, heute, morgen, leite eine große Familie durch den Abschied vom Sommer, kaufe Socken, Hefte und Tintenkiller. Zahle Erlagscheine ein, halte Deadlines ein, melde zu Turnkursen an, gehe zu Elternabenden, schaue beim HipHop zu, räume den Geschirrspüler aus. Kleine Gedankenfunken, strahlend und glitzernd: ein Campingbus, Meerblick, Geschirrwaschen mit Salzwasser, Wind, Sand auf meinen Füßen.

Langsam läuft hier bei uns der Alltag, das Gestern – der Sommer bleibt als Kraftquelle. Das Morgen ist der Tag, an dem ich endlich beginne, meiner Kreativität wieder Raum zu geben, es ist der Tag, an dem ich die vielen, im Sommer so leicht geschnürten Päckchen auspacken werde. Dann klappe ich den Laptop auf, und versinke in neue Geschichten, die mir der Sommer geschenkt hat.

 

 

Über die Früchte auf der anderen Seite des Baums

BlogMannhochvier_Mirijam Bräuer_Früchte auf der anderen Seite des Zauns

Unlängst traf ich einen Fotografen. Er hat Fotos von mir gemacht. Auf der Zunge brannten mir die Worte. „Bitte mach aber schon die Falten da oben auf der Stirn weg.“ Ich habe die Worte mit einem großen Schluck Prosecco hinuntergespült. Der Nachgeschmack meiner eigenen Gedanken ließ mich einige Tage nicht los. Später erzählte mir der Fotograf, dass die meisten Frauen genau das von ihm wollten. Das Optimieren des eigenen Antlitzes.

Vor kurzem hat ein weltberühmter Fotograf junge Menschen zu eben dieser Optimierung aufgefordert. Viele sind seiner Einladung nachgegangen und haben ihr Aussehen den Hochglanzmagazinen angepasst. Einige haben sich selbst so belassen, wie sie eben sind.

Selbstoptimierung. Ein großes Wort unserer Zeit. Es muss immer alles passen. Wenn wir hinaus gehen in diese Welt, sollte uns niemand unsere Sorgen, Ängste, Schwächen und Erfahrungen ansehen. Möchten wir Eindruck vermitteln, dass wir alles im Griff haben? Dass wir trotz der Fülle an Aufgaben, die uns täglich überschwemmt, Zeit für uns haben, ins Yoga gehen und Freunde treffen. Dass wir nie müde, abgeschlagen oder verzweifelt sind? Dass die Kinder funktionieren, sie in der Freizeit Erfolgen nachjagen und wir noch um 21.00 Chinesisch lernen? Dass sich unsere Zeitpläne immer ausgehen und der Takt der Optimierung uns durchs Leben schlägt?

Wer will das wirklich? Wie lange hält diese Welt diesen Trend noch durch? Wann dürfen wir wieder zu uns zurückkehren? Wann können wir aufhören, im Takt der Fremdbestimmung durchs Leben zu hetzen, uns unsensible Lügen einflüstern, die uns vormachen, wir würden eh alles schaffen?  Wann hört das „mehr, besser und schöner“ endlich auf?

I am what I am, and what I am needs no excuses …

Ist es nicht sehr befreiend, wenn wir die Falten, die im Spiegel aufblitzen, als Zeichen unserer Lebendigkeit würdigen? Ist es nicht erlösend, wenn wir vor anderen zugeben, dass hin und wieder gar nichts mehr geht? Ist es nicht verlockend, sich selbst auch zuzugestehen, dass das Leben nicht immer eine Blumenwiese ist, sondern viel von uns fordert? Vielen von uns kommt es sicher bekannt vor, dass das, was wir nicht sind, um so vieles verlockender ist, als das eigene Dasein. Die Früchte auf der anderen Seite des Baums sind so wie das Essen, dass in meiner Kindheit beim Nachbarn immer besser schmeckte als zu Hause.

Ich gestehe, manchmal ging ich wirklich durchs Leben und stellte mir vor, dass bei allen anderen alles passt. Ich gab mich der Illusion hin, dass es alle besser machen als ich. Was eigentlich besser? Faltenfreier, entspannter, sportlicher, schmerzfreier, fröhlicher, erfolgreicher und eleganter. Die Falle, in die ich tappte war der Vergleich. Ich durfte lernen, dass sich mein Glück keineswegs aus dem Vergleich mit dem Leben anderer lukriert. Ich durfte lernen, dass Glück etwas höchst Individuelles ist. Ich durfte lernen, dass mein Glück aus Zutaten besteht, die nur ich spüre und kenne. Seither bin ich bescheidener, entspannter und ruhiger. Ich sehe das, was die anderen machen mit Interesse. Ich beobachte meine Reaktionen auf die „eleganten Lebensläufe“ anderer. Ich spüre, dass mein Herz erst dann freudig zu pochen beginnt, wenn meine Zutaten des Glücks auf die Bühne treten. Diese Erkenntnis hat weh getan und hat mich gleichzeitig frei gemacht. Weh getan, weil ich manche Träume als die Träume Fremder entlarvt habe. Frei gemacht, weil ich immer mehr meinen eigenen Träumen folgen kann.

Mögest du den Spuren deiner Glückszutaten jeden Tag ein wenig folgen können …

Was Kinder alles können

BlogMannhoch4_Mirijam Bräuer_Was Kinder alles können

In Zeiten der Elternsprechtage, Schularbeiten und allgemeinen Optimierungszwänge fielen mir heute morgen im Wald unendlich viele Dinge ein, die unsere Kinder können.

“Was Kinder sonst noch können…”

(13)

  • Dem Fünfjährigen die Angst vor Würgeschlangen nehmen
  • Wasserhähne mit Tixo abdichten
  • Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge von Weitem nach Bauart erkennen

(10)

  • Den höchsten Baum im Wald erklettern
  • 400 selbst erfundene Waffen zeichnen
  • Rückwärtssalto aus dem Stand

(5)

  • Krebse im Mittelmeer dressieren und kaltes Wasser ignorieren
  • Sich als König verkleiden und als solcher den Tag verbringen
  • Über frühere und kommende Leben nachdenken

Gerne fortzusetzen …

Blut und Wasser

Mirijam Bräuer_Blog Mannhoch4_Blut und Wasser

Familiärer Zusammenhalt in Ferienzeiten

Unter dem Titel „Blut und Wasser“ möchte ich unsere Semesterferien zusammenfassen. Kurz. Es war anders als geplant. Und das lag an mir. Ich war müde, ich war krank und war mutig. Ich habe das, was wir geplant hatten, abgesagt. Alle anderen waren gesund. Niemand hatte Einwände. Was für ein Segen. Wie herrlich hätten die Ferien sein können, wenn nicht ich, am Ende des Winters, Erschöpfungsanzeichen gesammelt hätte, wie andere Porzellanelefanten.

Dann waren alle erleichtert. Stille Stimmen murmelten im Haus, tauschten sich über die Erleichterung aus, dass keine Pläne vor uns lagen, die um jeden Preis erfüllt werden sollten. Es trudelten Fotos von verschneiten Hängen ein, von leuchtenden Schikurs-Siegerehrungen, von Hüttengaudi und Sonnenschein. Ja, das hätten wir auch haben können. Uns war dieses Jahr anderes bestimmt.

Bündnisse fürs Leben

In einem Haus mit drei kleinen und einem großen Mann geht es naturgemäß um Bündnisse. Wer mit wem? Wer hat schon mit wem? Wer hat noch nicht mit wem? Und wer hat vom anderen die Nase voll? Der Große fuhr zwei Nächte zu den Großeltern. Der Mittlere stöhnte: „Endlich Ruhe“.  Der Kleinste weinte dicke Tränen. Dann verbündeten sich die sonst gekrönten Streithähne und spielten 2 Tage Extremstreitfrei.

Dann kam der Große zurück, der Mittlere fuhr ab. Der Große seufzte: „Endlich Ruhe“ und verbündete sich durch Arbeit am Campingbus mit seinem Papa. Der Kleinste weinte am Bahnhof dicke Tränen. Und dann waren alle wieder da. Im frühlingshaften Trampolin vereinten sich die drei Brüder wieder. Groß, mittel und klein, hüpften und hüpften.

Dann hörte ich durchs gekippte Fenster Tränen, Wut und Aggression. Erbost, erschüttert und zerkratzt kam der Kleinste und polterte an die Terrassentür. Schutz beim einzig „weichen“ Familienmitglied (Das sagt der Kleinste!) suchend erklärte er mir die Lage: „Mama, sie ärgern mich dauernd. Mama, das ist so gemein. Aber Mama, ich muss bei ihnen sein. Ich liebe sie so. Sie sind mir so wichtig.“ Ja, liebe kritische Leserinnen und Leser, der Fünfjährige kann so deutlich sagen, was er spürt. Das kann er. Nach diesem Bekenntnis eilte er, die dicken Tränen noch auf den Wangen wieder zurück ins Trampolin, wo Groß und Mittel miteinander spielen. Ich brauche wohl nicht weiter zu erzählen, dass sich nach 5 Minuten, oder waren es nur 3, das ganze Spektakel wiederholte.

Auf dem Weg zur Hölle hätte ich ein Segensgebet gesprochen.

Dann der vorletzte Ferientag. Frisörbesuch. Der Große schnappte dem Mittleren die Pole-Position am Waschtisch weg. Hämisch grinsend, mit einem lapidaren „Ich bin Erster“, löste er bedrohliches Säbelrasseln beim Mittleren aus. Passender wäre eine furchterregende Kriegsbemalung anstelle eines coolen Haarschnitts gewesen. Ich konnte das Blut zwischen den Scheren, Föns und Lockenwicklern riechen, als er andeutungsweise einen Stuhl umstoßen wollte.

Der Kleinste machte es sich leicht. Er wiederholte (wohlgemerkt kurz nach dem Frühstück) folgenden Satz gefühlte 100 Mal,  vor Entspannung suchendem Publikum: „Ich habe Hunger. Und wenn ich nichts zu essen bekommen, drehe ich durch“. Hätte sich der Boden unter meinen Füßen aufgetan, hätte ich auf dem Weg in die Hölle ein Segensgebet gesprochen. Übrigens waren sich alle drei einig, dass sie nach dem Frisör gerne Pommes im Kunsthaus essen würden. Nix da. Ab nach Hause.

Dann gestern. Der letzte Ferientag. Mehr Blut als Wasser. Jeder gegen jeden. Wir Großen waren versucht, auch mitzumachen.  Zwischendrin dachte ich mir, dass es auch eine Wohltat ist, wenn es so richtig unharmonisch ist. Sätze wie: „Bitte sprich mich jetzt nicht mehr an, ich explodiere sonst“, spricht man ja ungern aus. Und doch sind sie ein wenig wie Wasser aufs Blut.

Orte, die Flügel verleihen

Mirijam_Bräuer_Mirijams Schreibuniversum_Schauplätze 2_Naranjas

Maya und Ben in Andalusien

Ein Schauplatz meines Romans liegt in Andalusien. Schon der klingende Name Andalusien lässt in meinem Inneren Farben und Gerüche aufsteigen, die ich in einer fernen Zeit in mein Herz gepackt habe. Erinnerungen, Träume und Sehnsüchte speisen meine Geschichten ebenso wie reelle und konkrete Erfahrungen. Dieses Andalusien. Vor vielen Jahren durfte ich Andalusien erkunden, dort atmen und barfuß über seine Erde gehen. Ich durfte in die Geschichte dieses Landes eintauchen, die vom ewigen Ringen um Toleranz erzählt und die Gerüche der Erde, der Küche und der alten Mauern einatmen. Aus diesen Erfahrungen, meiner Liebe zu diesem Stück Erde und seiner historischen Bedeutsamkeit entstand ein fast magisches Kapitel in meinem Roman. Wir folgen dort den Spuren eines glücklosen spanischen Königs, versinken in Licht und Wärme der spanischen Sonne und ruhen unter alten Steineichen. Wenn Flügel erschaffen werden könnten, hier, auf der „Finca las Naranjas“, scheint es möglich …

Wenn der Herbst zuschlägt

Mirijam Bräuer_Blog Mann hoch 4_Wenn der Herbst zuschlägt

Gedanken über Notfallpläne, Querdenkereien und das heilsame Vergessen

Wir Eltern sind mit einem hilfreichen Mechanismus ausgestattet, der uns erlaubt, unliebsame Erfahrungen mit unseren Kindern zu vergessen. So können wir heute meist auf die vielen schlaflosen Nächte mit unseren Babys lächelnd zurückblicken. Wir tragen die Supermarkt-Trotzattacken unserer Kleinkinder schamlos-milde in unseren Herzen. Und wir vergessen, wie hart die vielfältigen Übergänge vom Sommer in die kühlen Jahreszeiten sind.

Sommerlich verklärt, mit Restbräune an den Wangen, Aperol in den Adern und Meerblick am inneren Horizont, gehen wir zu Schul- und Kindergartenbeginn beherzt ans Werk. Mit dem unbeugsamen Glauben daran, dass alles gut gehen wird. Meist geht auch alles gut. Wir sehen buntes Herbstlaub, warme Wollmützen, Kinder mit roten Bäckchen und nebelverhangene Sonntagsspaziergänge. Wir basteln an unseren Karrieren, kalkulieren den Alltag und seine Abläufe ausgehend vom Bestfall.

Bestfall. Notfall? Ausnahmezustände? Naiv.

So kommt es, dass wir uns mit unseren Sommerkräften begeistert, vielleicht unvorsichtig dem Herbst zuwenden. Wir blenden die Sonnenseite des Alltags ein und vergessen naturgemäß den Schatten. Der Schatten allerdings ist dick und breit. Er schlägt auf uns Eltern aus dem Hinterhalt mit einer Wucht an Forderungen ein, stapelt Termine übereinander, öffnet unbekannte Kampffelder des Zusammenlebens und erwartet von uns weiterhin sommerliche Gelassenheit, einem Reggae gleich.

Abgesehen von Einkaufslisten der Schulen und Kindergärten, Herbstjacken und Schuhen, die erneuert werden müssen, Hosen und Pullovern, die zu klein geworden sind, Strumpfhosen, die wieder über Kinderfüße gezogen werden müssen, Elternabenden bei Pfadfindern, Turnvereinen und Klavierlehrern, Müllsäcken, die weiterhin ausgeleert werden müssen, Betten, die immer wieder frisch überzogen werden müssen, trifft uns eine weitere „vergessene“ Sache hart, mitten ins Herz. Die Viren.

Viren – Schnupfenviren, Darmviren, Halsviren, Hustenviren. Wir hatten sie über den Sommer vergessen! Aus dem Hinterhalt schlagen sie zu. Ihre Macht liegt darin, dass sie, egal, wie sehr wir uns vorgenommen haben, gut für uns zu sorgen, das Kommando übernehmen. Von einem Moment auf den anderen werfen sie uns aus der normalen, gut durchdachten Ordnung, die ja so gut läuft, hinein in ein schier unüberblickbares Chaos aus Notfallplänen, Querdenkereien und Umorganisationen. Kinder erbrechen sich über Nacht über alle Betten, wir putzen, beruhigen, trauen uns selbst nicht mehr einschlafen. Kinder fiebern hoch, erzählen uns in fremden Sprachen ferne Geschichten, uns besucht die Angst. Kinder wollen nichts mehr essen, weil der Hals so weh tut, wir fragen still, „Könnten wir nicht die Zeit anhalten? Termine und Verpflichtungen einfrieren, frei von Konsequenzen?

Wie viel Pflegeurlaub ist noch übrig? Wer bleibt beim Kind? Welches Kind kann schon allein gelassen werden? Was tun wir mit Gefühlen, die sich zum Himmel türmen, wenn ein Kind allein mit dem Fernseher zurücklassen wird und jede Stunde ein Anruf kommt? Warum ist die Oma im Urlaub? Der Mann auf Geschäftsreise? Sollen wir auf die Klinik, oder noch zuwarten? Welcher Arzt hat Recht? Wie wehren wir uns selbst gegen die Viren, die uns entgegengeschleudert werden, die beim Kuscheln schamlos zu uns hinüberkrabbeln und unsere Ordnung fressen? Wer kauft ein? Wann holen wir die verabsäumte Arbeit wieder auf?  Wann erholen wir uns? Wer hilft uns, wenn wir selber Fieber haben? Wo versteckt sich die Kreativität, die eben noch durch uns floss? Sie wird anderswo gebraucht.

Mit offenen Armen eilt uns diese Kreativität zur Hilfe. Wir improvisieren! Wir Mütter und Väter sind Meister der Improvisation. Wir jonglieren Termine, Krankheiten, Pflichten und Bedürfnisse, halten uns optimistisch über Wasser, schnappen nach Luft und tauchen dann wieder ein, in das Land des Vergessens. Wir preisen unsere Netzwerke, die uns über Schattenzeiten helfen. Wir danken der Suppenköchin, dem liebevollen Anrufer, den Leidgenossinnen, die aufrichtig sagen, was ist. Wir lesen 100 Pixibücher, trocknen tausend Tränen, decken kalte Füße zu. Weil wir wissen: Wo Schatten ist, kommt auch das Licht!